TRAGEN  HOME

Auszug aus "Nomadentochter" von Waris Dirie

Blanvalet (2002), S. 67

 

„Eines schönen Herbsttages, als ich mich gerade bei Danas Familie aufhielt, band ich mir Leeki in einem Baumwolltuch auf den Rücken. Damals war er ungefähr drei Monate alt. Es blies ein kühler Wind, deshalb zog ich mir auch meine grüne Jacke über. Meine Brüder und Vettern hatten es immer geliebt, von mir auf dem Rücken herumgetragen zu werden, und ich wusste noch, wie es ging. Ich nahm ein buntes afrikanisches Tuch, meinen chalmut. Das ist ein fest gewebter Stoffstreifen, ungefähr so lang wie ein Tischtuch, aber nicht so breit. Mein hellgelber chalmut hatte ein grün-rotes afrikanisches Muster. Ich beugte mich vor und legte mir Aleke vorsichtig auf den Rücken. Man muss sich die Arme des Babys unter die Achselhöhlen stecken, damit sie nicht herunterfallen, während man das Tuch um sich und das Kind wickelt. Man führt es über eine Schulter und unter dem anderen Arm durch und bindet es zwischen den Brüsten zusammen. Es ist bequem, nicht schwer und man spürt bei dieser Nähe jeden Atemzug von dem Baby. Ich werde nie verstehen, warum die Leute ihre Kinder ganz allein in einem Kinderwagen liegen lassen. Aleekes Großmutter sagte noch vor seiner Geburt, wir müssten einen kaufen.
Aber ich wandte ein: „Ich glaube nicht, dass wir einen brauchen.“
Sie blickte mich überrascht an. „Wie meinst du das? Wie willst du mit dem Baby einkaufen oder spazieren gehen?“
„Weißt du, ich werde mein Kind auf dem Rücken tragen.“
Daraufhin entgegnete sie: „Hör zu, Waris, nimm meinen Rat an. Das ist dein Erstgeborenes, und du weißt wirklich nicht, was du tust. Man braucht einen Kinderwagen! Du kannst das Baby nicht ständig herumschleppen.“
Ich sagte: „Ja, hier handhabt ihr die Dinge so, aber wir tragen unsere Kinder anders.“
Trotzdem kaufte sie einen Kinderwagen – einen großen, grauen, hässlichen Kasten -, den ich so furchtbar fand, dass ich ihn schon nach wenigen Wochen nicht mehr benutzte. Nicht so sehr wegen ihr, denn ich liebte sie – sondern wegen seiner Größe. Ich kam mir komisch vor, wenn ich ihn durch die Straßen schob. In New York City ist nicht besonders viel Platz, und ich nahm fast den ganzen Bürgersteig ein, so dass alle mir ausweichen mussten. Es war schon schlimm genug, mit dem Ding dauernd die Bordsteine hinauf- und hinunterzurumpeln. Aber in ein Geschäft zu kommen, war ganz unmöglich. Man musste sich vorbeugen, um die Tür aufzustoßen, dann hektisch den Kinderwagen hinterher schieben. Ich hatte immer Angst, die Tür würde vorzeitig zuschlagen und mein Kind zerquetschen. Auch die U-Bahn konnte ich nicht benutzen, also musste ich enorme Entfernungen zu Fuß zurücklegen. Anschließend ließ ich das Monstrum unten stehen, trug Aleeke rasch in die Wohnung, wo ich ihn alleine ließ, um wieder hinunterzujagen und das Ding unter die Treppe zu stellen, damit die Leute nicht darüber stolperten. Das ist eine so genannte Erleichterung, die ich nicht brauche.
Nun, auf jeden Fall stieg ich an diesem Morgen mit Aleeke auf dem Rücken die Treppe hinunter. Die Gewohnheiten meiner Kindheit in der Wüste sind mir in Fleisch und Blut übergegangen, und ich laufe eigentlich immer, auch wenn es nicht unbedingt nötig wäre. Sein winziger Kopf steckte unter meinem Jackett, und ich fühlte mich wunderbar. Granny stand in der Küche, sie wusch gerade das Geschirr ab, und ich rief ihr zu: „Bis später, Granny!“
Sie knurrte: „Warte mal! Wo ist das Baby? Du hast gesagt, du wolltest mit dem Kind spazieren gehen. Wo ist er?“ Mit dem Küchentuch in der Hand kam sie in die Diele.
„Er ist auf meinem Rücken“, gab ich Auskunft.
Sie starrte mich fassungslos und ungläubig an. Ich zog Aleeke unter meinem Arm nach vorne, schob meine Jacke auf und sagte: „Hier!“ Er strahlte sie mit seinem süßen Gesichtchen an. Die Frau geriet außer sich, sie konnte nicht verstehen, wie ich das Kind da hängen lassen mochte. So etwas hatte sie noch nie gesehen und konnte sich nicht vorstellen, dass es dem Baby gefiel. Ihrer Meinung nach musste er ersticken, und sie beschwor mich: „Ich flehe dich an, nimm ihn herunter.“
Leise lachend winkte ich ab: „Wir sind schon unterwegs. Bis später dann!“ Aber ihre Reaktion mache mir doch zu schaffen. Ich brauchte Unterstützung und Beruhigung, und nicht jemanden, der mir vorwarf, ich würde mein Kind erdrosseln. Sie hätte sich dafür interessieren sollen und mich fragen, wie man es machte – und es nicht von vornherein als einen Brauch aus Afrika nur missbilligend abtun."