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Stillstreik
-eine Chronik-
von "Freddy"
 

Sonntag – J. ist gut 10 Monate alt

Hilfe!

Ich glaube, ich stehe gerade vor dem größten Problem in mehr als drei Jahren Gesamtstillzeit.

Es sieht aus, als habe J. von jetzt auf eben verlernt, wie man aus der Brust trinkt. Letzte Nacht hat sie noch wie üblich gegen 12, 3 und 6 gestillt. Ist dann gegen halb 8 aufgewacht. Hat gegen halb 9 noch mal ein wenig gestillt. Gegen halb elf wurde sie müde, also dachte ich, ich stille sie in den Vormittagsschlaf. Setze mich mit ihr - wie üblich - vor dem Computer. Biete die Brust an. J. betrachtet sie eine Weile nachdenklich, öffnet den Mund und beißt - haps! - hinein. Tja, und dabei sind wir jetzt den ganzen Tag hängen geblieben. Wenn J. stillen will - und sie sucht die Brust und will offensichtlich dran, scheint sie nach kurzem Nachdenken jeweils zu dem Schluss zu kommen, dass man dort durch herzhaftes Zubeißen etwas bekäme. Sie nuckelt also nicht etwa erst etwas um dann irgendwann zu beißen, sondern sie geht gleich beißend ran. So arg entspannt bin ich inzwischen beim Anbieten nicht mehr...

Ich weiß überhaupt nicht, was los ist, wieso J. jetzt sich so aufs Anbeißen verfahren hat.

Zähne? Glaube ich nicht, sie ist sonst bester Laune und will auch nicht auf anderen Dingen herumkauen.

Ich habe meine Tage, aber erstens schon seit Freitag und außerdem bekomme ich die regelmäßig seit J. 3 Monate alt ist und das war nie ein Problem.

Der Umzug ist 2 Wochen her und es läuft eigentlich schon wieder alles in recht geordneten Bahnen.

Ich bin mir auch nicht bewusst, sie beim Stillen irgendwie besonders erschreckt oder sonst verwirrt zu haben. Auch will sie ja stillen, sie stellt sich nur so dämlich an, dass sie seit heute früh keinen Tropfen mehr bekommen hat. Nach zwei bis drei mal Zubeißen rechts und links gebe ich immer auf. Wir haben schon verschiedene Orte und Positionen im Sitzen und Liegen ausprobiert - immer dasselbe: Haps!

Ich könnte mir allenfalls einen Zusammenhang mit dem Trinklernbecher vorstellen. Den hat J. ganz gelegentlich schon bekommen in den letzten Wochen und gestern hat sie etwas mehr daraus getrunken (1 cm oder 2 Wasserstand im Becher, keine Mengen!) und auch darauf herumgekaut. Der ist jetzt jedenfalls radikal aus dem Verkehr gezogen.
Fläschchen hat sie ohnehin vor Monaten das letzte Mal bekommen und Schnuller haben wir ja keinen.

Ich werde jetzt wohl mal anfangen müssen abzupumpen, damit wenigstens die Milchmenge nicht so arg zurückgeht. Bislang hat J. noch den Großteil ihrer Nahrung aus der Mumi bezogen. Ansonsten habe ich ihr inzwischen ein wenig Wasser (es ist heiß!) und auch ein kleines bisschen mal schnell abgepumpte (per Hand, habe keine Pumpe) Mumi gegeben.

Ich hoffe auf die Nacht, vielleicht lässt sich J. im Halbschlaf wieder normal anlegen.

Das werde ich auch jetzt gleich probieren, sie ist während ich dies tippe, auf meinem Rücken eingeschlafen.

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Uff!

Wenigstens im (Halb-)Schlaf kann J. noch stillen - problemlos. Als ich sie gegen 19 Uhr von meinem Rücken genommen habe, ist sie halb aufgewacht, hat die Augen geöffnet aber nur dösig ins Leere geguckt. Ich habe mich mit ihr in den Sessel in ihrem Zimmer gesetzt, todesmutig die Brust in den Rachen des Löwen gelegt und sie trank!
Gott sei Dank! Auf der anderen Seite bin ich schön ausgelaufen - kein Wunder, nach 10 Stunden ohne zu stillen. Als sie gluckervoll war, hat sie ganz friedlich losgelassen. Ich habe ihr dann noch die andere Seite angeboten, sie war inzwischen wieder wach. Wieder kam dieser nachdenkliche Blick - Mund auf - ich dachte schon, sie schnappt wieder zu - hat sie auch, aber ganz sachte. Hat dann den Kopf weggezogen und die Brust über die Zähne rausrutschen lassen, aber auch ganz sachte. Dann breites Grinsen. Alte Ulknudel, mir hatten sich schon die Nackenhaare aufgestellt, weil ich dachte, gleich tut's wieder weh! Sie wollte offenbar nichts mehr, war ja auch voll genug.

Gegen 22 Uhr – W. war im Bett - habe ich es noch mal mit dem wachen Stillen versucht. J. war ganz offensichtlich hundemüde, kein Wunder, sie war seit halb 8 wach mit einem kleinen Mittagsschläfchen. Nachdenklich gucken - schnapp - lang ziehen. Autsch! Ich ziehe sie immer reflexartig stark zu mir her, weil sie sonst die Brust bei zurückgelehntem Kopf über die Zähne rausfatzen lässt. Das mag sie natürlich nicht und sie macht auch den Eindruck, völlig verwirrt und verzweifelt zu sein, dass sie auf diese neue Art nicht trinken kann und darf.

Also habe ich sie wieder im Tragetuch auf den Rücken gebunden, wo sie eingeschlafen ist. Dann schlafend vom Rücken, angelegt, tadellos getrunken. Wenigstens platze ich jetzt nicht mehr fast!

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Und noch mal ich mit dem nächtlichen Update:

Als ich gerade kurz nach zwei ins Bett wollte, hat sich J. gemeldet. Vielleicht war sie schon zu wach oder was, jedenfalls hat sie die Brust diesmal gleich ganz verweigert. Ich hatte ihr ausnahmsweise eine Stoffwindel angezogen, weil ich schon dachte, dass sie so k. o. wie sie war, nicht rechtzeitig aufwacht. War auch richtig, die Stoffwindel war nass, aber auch in trockenen Tüchern war sie nicht zum Stillen zu bewegen, brüllte nur. Ich habe sie also wieder auf meinen Rücken genommen, wo sie jetzt gerade beim Wiedereinschlafen ist. Na, das kann ja heiter werden...


Mittwoch

J. stillt wieder! Es sieht so aus, als hätten wir das Schlimmste
überstanden. Uff!

Die Nacht von Sonntag auf Montag war noch richtig hart. Ich war um 2 schließlich soweit, selbst ins Bett zu gehen, dann wachte J. auf. Stillen ging nicht - nur beißen - also wanderte sie wieder im Tragetuch auf meinen Rücken, wo sie kurz vor drei schließlich eingeschlafen war. Ich habe dann versucht, die schlafende J. zu stillen - hat nicht funktioniert, im Gegenteil, sie wurde nur wach und fing an zu weinen. Schließlich habe ich sie einfach mit in unser Bett gepackt, wo sie noch eine Zeitlang geweint und geschrieen hat und schließlich erschöpft einschlief. Um 5 wurde sie wieder annähernd wach und ich konnte sie tatsächlich schlafend stillen. Danach war die andere Brust kurz vor dem Platzen, ich musste also morgens um 5 - nach weniger als 2 Stunden Schlaf - in die Küche marschieren und abpumpen.

Das morgendliche Stillen am Montag ging dann wieder nicht, J. war wach und wollte nicht. Jetzt wurde nicht mehr gebissen, dafür aber die Brust klar verweigert. Weinen, an mir fast hochklettern und sobald ich die Brust anbot, drehte sie sich weg, stemmte sich weg, stieg mir fast vom Schoß und weinte dann noch mehr. Nach dem Aufstehen trank sie ein wenig Mumi aus dem Glas mit großer Gier.

Abgesehen zu den Zeiten, wo sie stillen wollte, aber doch nicht konnte/wollte, war sie nach wie vor bester Stimmung. Gegen 11 ist J. schließlich auf meinem Rücken eingeschlafen und hat dann schlafend im halbdunklen Kinderzimmer ausführlichst getrunken. Dasselbe ist mir zwei weitere Male gelungen. Ich denke, mengenmäßig hat J. an diesem Tag trotz Streik soviel Muttermilch bekommen, wie an ganz gewöhnlichen Tagen. Meist stillt sie zwar viel öfter - aber auch viel kürzer. Kaum hatte sie getrunken, war sie wach und machte den Eindruck, dass ein Bauch voll Mamamilch sie ungeheuer glücklich und zufrieden macht. Ihr hättet das Kind strahlen sehen sollen - da erübrigte sich jede Frage, ob die Kleine denn das Stillen überhaupt noch braucht. Ich hatte auch den Eindruck, als lasse sie sich überaus bereitwillig in den Schlaf tragen. So unter dem Motto, wenn ich wach bin streike ich ja, aber wenn ich schlafe, kann ich wieder die gute Nana trinken... :-)

Am Abend – W. war im Bett und J. sehr müde aber noch wach - habe ich mich mit ihr in den Sessel gesetzt. Ihr ein Liedchen darüber vorgebrummelt, wie gut die Nana ihr tut und wie sie den Durst und Hunger stillt und entspannt und wie gut uns das Stillen beiden tut ("Nana tut der J. gut. Gibt ihr Kraft und gibt ihr Mut...“). Erst hat sie sich weggedreht, aber mit sanfter Beharrlichkeit habe ich sie immer wieder Richtung Brust gedreht - irgendwann hat sie richtig und ohne zu beißen angedockt und sich in den Schlaf genuckelt. Das war unser erstes "waches" Stillen seit Streikbeginn, seit rund 36 Stunden.

Den Mitternachtsimbiss hat sie glatt verschlafen, um 3 und 6 konnte ich stillen. Auch Dienstag während des Tages lief es gut, das erste Stillen noch zurückgezogen im Kinderzimmer, beim 2. lief W. um mich herum und J. hat sogar einmal losgelassen, um zu schauen was er macht und hat gleich anschließend allein wieder angedockt.

Nur kurz vor dem Schlafengehen, hat sie mehrfach zugebissen, statt zu trinken, aber mit ein wenig Geduld und gutem Zureden konnte ich sie dann schließlich doch zum ruhigen Trinken animieren.

Heute, Mittwoch, hat sie manchmal ganz problemlos gestillt, manchmal erst mal angebissen, sich dann zu ruhigem Stillen überreden lassen, 2 mal war es so, dass ich den Versuch zu stillen mit heulendem Kind aufgegeben habe, weil es gar nicht ging, sie wollte zwar an die Brust, biss und zog dort aber nur. Und eine Stillmahlzeit, die prima verlaufen war, hat sie mit einem heftigen Biss beendet. Also so richtig selbstverständlich und entspannt ist das Stillen noch nicht wieder. Aber ich denke, wir sind dabei uns zu bekrabbeln. Was der Grund für das ganze Theater ist, weiß ich nicht - vielleicht hat es doch etwas mit Zahnen zu tun, es sieht aus, als sei ein oberer Schneidezahn recht kurz vor dem Durchbruch.


Donnerstag

Hallo Heidi und alle die sich mitgefreut haben,

Vielen Dank für Eure Mails, es ist schön, wenn man einen Ort hat, wo man nicht nur gute Ratschläge und Unterstützung findet, sondern auch Leute, die verstehen, wie schön es ist, wenn ein fast 11 Monate altes Kind zum Stillen - das es doch ganz offensichtlich noch braucht - zurückfindet. Im näheren Umfeld fehlt dafür doch das Verständnis, schließlich sind wir ja schon erheblich über die obligatorischen 6 Monate hinaus. Also was soll die ganze Aufregung...

Wie gut für J. und mich, dass ich wusste, was ein Stillstreik ist, dass es so etwas gibt und was man tun kann. Gut, dass ich wusste, wie wichtig das Stillen auch im zweiten Lebensjahr ist. Gut, dass ich aus eigener Erfahrung weiß, wie gut eine Stillzeit, die sich nach Jahren, nicht nach Monaten bemisst für alle Beteiligten ist. Wie du schreibst, Heidi, ohne diese Informationen wäre das der absolut klassische Fall gewesen: "Mit 10 Monaten wollte sie nicht mehr, da hat sie sich selbst abgestillt..." Wobei J. mit dem Nicht-stillen-wollen/können offensichtlich kreuzunglücklich war und mit Sicherheit nach dem Abstillen Schnuller und/oder die Flasche gebraucht hätte. Also von wegen bereit zum Abstillen - da steckte etwas anderes dahinter.

Und dass ich so gut informiert bin, habe ich, ebenso wie die lange Stillzeit mit W., wiederum dieser Liste (Mailingliste "WirStillen") zu verdanken. Herzlichen Dank an alle Listenmitglieder und ganz besonders natürlich an Ulrike!


Freitag

Heute hat sich J. auf einer Bank im Einkaufszentrum in den Schlaf gestillt, während Einkaufende ungefähr 1 m von ihr entfernt ununterbrochen vorbeiströmten. Ohne ein einziges Mal zu zwacken und ohne sich ablenken zu lassen. Schätze der Stillstreik ist tatsächlich vorbei :-)


Samstag, eine Woche später

Zahnen hat wohl bei unserem Stillstreik doch eine Rolle gespielt: Eine Woche später kam der erste Zahn oben durch, nachdem J. unten schon seit fast 4 Monaten 2 Zähne hat.

J. beißt immer noch täglich mehrfach. Das ist ihr neuestes Zeichen, dass sie bitteschön an die andere Seite möchte. :-/ Stillt wunderbar, dann werden irgendwann die Kiefer zusammengepresst. Ich halte sie fest, so dass der zweite Akt - Kopf zurücklegen, Brust lang ziehen und Warze zwischen den Zähnen heraus gleiten lassen - nicht erfolgen kann, und drücke gleichzeitig mit dem Finger durch die Backe zwischen ihre Kiefer um den Biss zu lockern. So haben die Brustwarzen noch nicht gelitten, angenehm ist es trotzdem nicht. Hoffentlich findet J. bald eine neue Methode, mir mitzuteilen, dass diese Seite "alle" ist... War das schön mit W., der in seiner ganzen Stillkarriere ganze 3 mal gebissen hat!


Nachtrag

Ungefähr drei Wochen lang hat J. an den meisten Tagen mehrfach zugebissen. Besonders beliebt auch folgendes Szenario: Ich stille, W. kommt dazu, drängelt sich heran, stört. J. beißt. Grrr! Mit dem Ergebnis, dass ich nicht wusste, auf welches meiner Kinder ich wütend werden sollte - auch wenn natürlich keiner von beiden es tatsächlich darauf angelegt hat, mich zu ärgern und einen Wutausbruch verdient hatte. Aber auch diese Phase ging vorüber, und andererseits war ich ja schon froh, dass J. wieder trank. Das Durchhalten hat sich jedenfalls gelohnt! Jetzt mit fast 17 Monaten stillt sie immer noch mit Begeisterung viele Male am Tag und völlig problemlos. Ich bin schon ewig nicht gebissen worden *klopf auf Holz*