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Ab wann in den Ergo?

 

Als Empfehlung, ab wann ein Baby in den Ergo genommen werden kann, wird vom Hersteller der 5. Lebensmonat angegeben.

Ich finde dies sehr früh und würde daher das Ergo-Alter nach hinten korrigieren.

Der Grund ist der folgende:

Die Entwicklung der kindlichen Wirbelsäule verläuft in drei Schritten und dauert ungefähr ein Jahr. Wenn das Kind geboren wird, befindet es sich in der so genannten Totalkyphose. Die Wirbelsäule des Kindes ist noch gekrümmt wie im Mutterleib, der Rücken des Kindes schaut rund aus. Der runde Rücken und die Anhock-Spreiz-Haltung bedingen einander.

Die erste Streckung beginnt mit ca. 6 Wochen, wenn das Kind in Bauchlage den Kopf heben und für eine Weile halten kann. Man nennt diese Streckung Halslordose. Dabei strecken sich die 7 Halswirbel nach vorn und oben. Die nächste Stufe ist die Streckung der Brustwirbelsäule, genannt Brustkyphose. Die 12 Brustwirbel strecken sich nach oben und hinten. Abgeschlossen ist diese Streckung, wenn das Kind selbständig sitzen kann. Dies ist selten vor dem 7. Lebensmonat, eher um den 8. oder 9. Lebensmonat der Fall. Zu diesem Zeitpunkt wird das Kind im wachen Zustand sehr aufrecht im Tuch sitzen. Jedoch wenn es einschläft erschlaffen die Muskeln und der Rücken wird wieder rund. Nun muss die Tragehilfe/das Tuch den Rücken des Kindes fest umschließen und abstützen.
Die dritte Streckung ist die Lendenlordose, wenn die 6 Lendenwirbel sich aufrichten. Das Kind wird sich an Tischen und Stühlen hochziehen und das Laufen üben. Sobald es selbständig laufen kann, ist diese Streckung abgeschlossen und das Kind hat die für den Menschen typische Wirbelsäule in S-Form.

Ein qualitatives Tragetuch geht in der richtigen Bindeweise in genau diesen Schritten der Entwicklung des Kindes mit und passt sich cm für cm an Mutter und Kind an. Anders der Ergo. Er ist in einem bestimmten Standardmaß zusammengenäht und soll nun für alle Mamas und Kinder gleichermaßen passen. Nun ist es so, dass der Stoff des Ergo in einer anderen Webart gemacht ist, als der Stoff eines qualitativen Tuches. Der Stoff des Ergo ist also nicht so flexibel und dehnbar wie ein Tragetuch. Ziehen wir das Kind fest an uns heran, drücken wir mit dem Rückenteil des Ergo den Rücken des Kindes gerade, was der natürlichen Physiologie des Kindes widerspricht.

Warum spreche ich immer wieder so vehement gegen den gerade gedrückten Rücken, wo doch irgendwann der Rücken des Kindes sowieso gerade sein wird, wenn die Entwicklung der WBS abgeschlossen ist?

Wie überall gelesen werden kann (z.B. Prof. Dr. med. J. Büschelberger, Dr. E. Fettweis, etc.) bedingen die Anhock-Spreiz-Haltung und der runde Rücken einander. Nur wenn das Kind eine optimale Anhock-Spreiz-Haltung einnehmen kann, nämlich die Beine in einem Winkel von etwas mehr als 90° (Winkel von Wade zum Oberschenkel) anhocken und gleichzeitig die Beine in einem Winkel von etwa 45° (Orientierung des Oberschenkels zum Hüftgelenk) abspreizen. In dieser Stellung drücken die Oberschenkelköpfe in die Pfannenzentren und nicht gegen die hinteren und oberen Abschnitte der noch knorpeligen und weichen Pfannenwände, und die Bänder, die sich zwischen Oberschenkelkopf und Pfannenwand befinden, sind entspannt und können demzufolge nicht überdehnt werden. In dieser Stellung werden am Schenkelhalskopf und der Hüftpfanne alle Bereiche gleichmäßig belastet, was für die Entwicklung der Knochenkerne notwendig ist, damit sich die Kugelform des Oberschenkelkopfes und die Hohlkugelform der Hüftpfanne normal ausbilden können.

Auf gut Deutsch: Die Kniegelenke des Kindes befinden sich bei einer korrekten Anhock-Spreiz-Haltung oberhalb des Nabels des Kindes. Die Oberschenkel des Kindes sind leicht nach oben orientiert und nicht gerade oder sogar leicht nach unten abfallend.

Die WBS und das Becken mit den Hüftgelenken sind durch das Kreuzbein-Darmbeingelenk miteinander verbunden. Die Bewegungen der Wirbelsäule haben direkten Einfluss auf die Bewegungen des Beckens. Kann das Kind seiner Entwicklung entsprechend den Rücken runden, so kippt das Becken beim Rundwerden leicht nach vorn und ermöglicht die Anhock-Spreiz-Stellung der Beinchen.
Wird hingegen der Rücken des Kindes gerade (oder gar ins Hohlkreuz) gedrückt, so kippt das Becken eher nach hinten und die Beinchen verbleiben nicht mehr in der idealen Position. Einem kräftigen Kind ist es sicherlich möglich, die Position von sich aus eine Weile zu halten, aber spätestens, wenn das Kind einschläft, lässt die Muskelspannung nach und die Beine fallen nach unten.

Im Ergo nun ziehst du dein Kind ganz nah an deinen Körper heran und der straffe Stoff drückt den Rücken deines Kindes gerade. Die Beine werden aufgrund dessen auch nicht mehr in der korrekten Anhock-Spreiz-Haltung gehalten. Je jünger das Kind ist, desto kritischer ist dieser Umstand zu bedenken.

Ab wann also kann ich nun mein Kind ohne Bedenken in den Ergo nehmen?

Wenn mein Kind sicher krabbelt und sich auch schon aus dem Vierfüßlerstand in den Kniestand hochzieht, dann ist der Ergo kaum noch bedenklich. Warum? Weil das Kind im Vierfüßlerstand schon ein recht hohes Maß an Beckenaufrichtung haben muss, um gut krabbeln zu können. Also bahnt sich im Vierfüßlerstand bereits die Lordosierung der Lendenwirbelsäule an. Das wird beim Hochziehen in den Kniestand noch weiter forciert, ebenso wie im Fersensitz.

 

Nicole

Trageberaterin der Clauwi-Trageschule Dresden

http://www.stillen-und-tragen.de